Die Rückkehr Charles de Gaulles und der Élysée-Vertrag

Durch den Algerienkrieg (1954-1962), in dessen Folge sich Algerien von der französischen Kolonialherrschaft lösen konnte, kam es in Frankreich zu erheblichen innenpolitischen Konflikten und Charles de Gaulle wurde am 29. Mai 1958 zurück an die Macht gerufen. Die deutsche Staatsspitze befürchtete durch diese erneute Präsidentschaft eine Verschlechterung der Beziehungen zu Frankreich und den Stillstand des europäischen Integrationsfortschritts. De Gaulle hatte sich in den Jahren zuvor ablehnend gegenüber der Gründung der Bundesrepublik, der Montanunion und der EVG geäußert.
Diese Ängste erwiesen sich aber nach einem persönlichen Treffen von Adenauer und de Gaulle in Colombey-les-Deux-Eglises, dem Privatwohnsitz de Gaulles, als unbegründet. Beide Staatsmänner erklärten ihren Willen, die deutsch-französische Zusammenarbeit zu intensivieren und die europäische Einigung weiter voranzutreiben. Insbesondere die Furcht vor einem Rückzug der USA aus Europa oder einer ausbleibenden Unterstützung im Falle eines Krieges gegen die Sowjetunion, sollte durch einen Ausbau der eigenen Beziehungen kompensiert werden.

Die Vorstellungen von der Gestaltung des europäischen Integrationsprozesses unterschieden sich allerdings erheblich. Während Adenauer vor allem supranationale Elemente befürwortete, wollte de Gaulle die Macht der Einzelstaaten erhalten, wenn möglich unter französischer Vormachtstellung. Seine Ideen zu einer politischen Union Europas, wie er sie in den Fouchet-Plänen 1961 und 1962 (benannt nach dem Diplomaten Christian Fouchet (1911-1974)) formulierte, waren aber für die anderen fünf Staaten der EWG nicht akzeptabel.
Da die europäischen Pläne scheiterten, sollte zumindest das Verhältnis zu Deutschland deutlich aufgewertet werden. Adenauer und de Gaulle erkannten jedoch, dass zuerst die Bevölkerungen beider Staaten auf eine intensivere Beziehung eingestimmt werden mussten. Hierzu dienten die gegenseitigen Staatsbesuche 1962: Die deutsch-französische Aussöhnung wurde symbolisch und öffentlichkeitswirksam zelebriert und die neue Freundschaft zwischen den ehemaligen „Erbfeinden“ konnte sich in den Köpfen der Menschen etablieren.

Unterzeichnung des Élysée-Vertrages
Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-P106816 / CC-BY-SA

Das konkrete Ergebnis der Bemühungen um eine dauerhafte Verbesserung der gegenseitigen Beziehungen bildete der Élysée-Vertrag [siehe auch www.bpb.de], der am 22. Januar 1963 von Deutschland und Frankreich unterzeichnet wurde. Neben der zukünftigen Zusammenarbeit in den Bereichen der Außen- und Verteidigungspolitik wurde darin insbesondere die Bildungs- und Jugendpolitik zwischen den beiden Staaten geregelt. Für eine gelungene Umsetzung sollten sich die zuständigen Minister und die Regierungschefs regelmäßig treffen, um sich gemeinsam in ihrer Politik abzustimmen. Eine besondere Rolle in den Verträgen spielte die Jugend, denn sie sollte die deutsch-französische Aussöhnung letztlich mit Leben füllen. Zu diesem Zweck wurde am 5. Juli 1963 das Deutsch-Französische Jugendwerk (DFJW) gegründet, das sich zur Aufgabe gesetzt hat, Jugendliche beider Länder einander näher zu bringen und dies bis heute tut.
Bei den deutschen Politikern wurde der Élysée-Vertrag indessen kritisch aufgenommen. Die Mehrheit befürchtete, mit einer zu starken Anlehnung an Frankreich die Vereinigten Staaten vor den Kopf zu stoßen. Daher wurde der Vertrag im Parlament mit einer zusätzlichen Präambel ratifiziert. Sie sollte verdeutlichen, dass die Beziehungen zu den USA und dem westlichen Verteidigungsbündnis NATO Vorrang vor einer deutsch-französischen Annäherung hatten. De Gaulle zeigte sich daraufhin enttäuscht von den Westdeutschen.


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Weiterführende Literatur

Weitere Informationen zum Elysée-Vertrag:


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