Die deutsch-französische Freundschaft im wiedervereinigten Deutschland

Bereits Charles de Gaulle sah die Wiedervereinigung Deutschlands als unausweichlich an. Und ohne die Zustimmung der Franzosen wäre es auch nicht zur Deutschen Einheit [siehe auch www.bpb.de] am 3. Oktober 1990 gekommen. Für François Mitterrand war es zum Jahreswechsel 1989/90 deshalb von großer Bedeutung, die deutsche Einigung nicht nur zu ermöglichen, sondern diesen Prozess im Sinne Frankreichs zu beeinflussen. Der Zusammenschluss beider deutscher Staaten sollte außerdem im europäischen Kontext vonstattengehen. Aus diesem Grund forderte Mitterrand von Helmut Kohl eine Intensivierung der deutsch-französischen Beziehungen. Diese sollten besonders im Hinblick auf eine Ausweitung der europäischen Integration, in Form einer gemeinsamen Wirtschafts- und Währungsunion, verstärkt werden. Zudem verlangte der französische Staatschef die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie als deutsche Ostgrenze. Deutschland sollte außerdem im westlichen Bündnissystem verbleiben, um so die Sicherheit Frankreichs vor dem wieder erstarkenden westlichen Nachbarn zu gewährleisten.
Kohl akzeptierte diese Forderungen bedingungslos, sodass Mitterrand sein Einverständnis zur deutschen Wiedervereinigung gab. Die französische Öffentlichkeit stand dabei hinter ihm, ein wesentlicher Indikator dafür, dass die alte „Erbfeindschaft“ überwunden war.

Nach Ende des Ost-West-Konfliktes

Euro-Skulptur vor der Europäischen Zentralbank
Meilenstein bei der Einigung Europas: Die Einführung des Euros ist auch Verdienst der deutsch-französischen Freundschaft.

Mit dem Ende der kommunistischen Systeme in Osteuropa schlugen die deutsch-französischen Beziehungen und der europäische Integrationsprozess eine neue Richtung ein. Im Mittelpunkt standen von nun an insbesondere außen- und sicherheitspolitische Fragen, die in der Bildung des Eurokorps am 23. Juli 1991 gipfelten. Ein weiterer Fokus lag auf der Umsetzung des gemeinsamen Wirtschafts- und Währungsraumes. Die Einführung des Euro zum 1. Januar 2002 bildete diesbezüglich einen Meilenstein, auch für die Einigung Europas. Mit der Gründung der Europäischen Union (EU) durch den Vertrag von Maastricht am 7. Februar 1992, kamen die europäischen Staaten darüber hinaus einer politischen Gemeinschaft einen bedeutenden Schritt näher. Allerdings führten die unterschiedlichen Vorstellungen Deutschlands und Frankreichs, in Fragen der tatsächlichen Integrationstiefe der Einzelstaaten, erneut zu Streit.
Unter dem Einfluss der Terroranschläge des 11. September 2001 und seinen globalen Auswirkungen, rückten Deutsche und Franzosen in der öffentlichen Wahrnehmung wieder enger zusammen. Als stellvertretendes Beispiel hierfür steht das gemeinsame „Nein“ des französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac (*1932, Gaullist (RPR/UMP)) und des deutschen Bundeskanzlers Gerhard Schröder (*1944, SPD) zum Irak-Krieg.
Im neuen Jahrtausend scheinen es vor allem diese beiden Staaten zu sein, die als „Motor Europas“ die Entwicklung des Kontinents vorantreiben, auch wenn sie diesbezüglich selten einer Meinung sind. Es bleibt abzuwarten, ob sich diese spezielle Beziehung zwischen Deutschland und Frankreich als stark genug erweist, um die aktuellen Probleme in Europa zu überwinden oder ob die neuen Herausforderungen zu einer Verschlechterung der bilateralen Verbundenheit beitragen.

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Verwendete Literatur:

  • Defrance, Corine / Pfeil, Ulrich: Eine Nachkriegsgeschichte in Europa. 1945 bis 1963, Darmstadt 2007 (WBG deutsch-französische Geschichte 10).
  • Linsel, Knut: Charles de Gaulle und Deutschland, Sigmaringen 1998.
  • Miard-Délacroix, Hélène: Im Zeichen der europäischen Einigung. 1963 bis heute, Darmstadt 2010 (WBG deutsch-französische Geschichte 11).


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